gut gebrüllt

Tischgespräch mit Gerlinde Sommer

Es war die erste öffentliche Veranstaltung im neuen Audimax der Bauhaus-Universität Weimar: Wladimir Kaminer liest. Außerdem auf dem Programm: ein Tischgespräch mit Gerlinde Sommer. Wer das ist und was ich mir darunter vorzustellen habe, wusste ich bis vorgestern noch nicht einzuordnen. Im Verlaufe des Abends sollte ich aber herausfinden, dass mir so etwas wie “Tischgespräch mit Gerlinde Sommer” sehr wohl geläufig war, bislang allerdings bloß unter den Namen “Fiasko”. Außerdem sollte mich auch noch der dringende Verdacht beschleichen, dass im Vorfeld der Veranstaltung wohl der Satz “Herzelein, heute abend darfst du mal neben einem richtigen Autor auf der Bühne sitzen und 350 Leute schauen dir zu.” gefallen sein muss. Aber der Reihe nach.

Nachdem Wladimir Kaminer einige seiner Texte vorgetragen hat, entert also Gerlinde Sommer von der Thüringer Landeszeitung im Audimax die Bühne, begleitet von dem Kommentar des Autors, dass es sich bei dem nun Folgenden nicht um den Auswuchs seines Hirnes sondern eine Idee des Veranstalters handelt. Frau Sommer nimmt diese Warnung offensichtlich nicht sehr ernst, lächelt zur Begrüßung schelmisch in die Runde und schafft es, nach völlig verzichtbarem Vorgeplänkel innerhalb weniger Minuten den Interviewkarren mit bemerkenswertem Geschick auf die unnachgiebigste Stelle der Wand zuzusteuern. Im Publikum die typischen Unfall-Gaffer.

Unbeabsichtigt erleben sie Sternstunden (in diesem Fall gottseidank nur Sternminuten) journalistischer Fragekunst: Ob er diese merkwürdigen Begebenheiten, die er in seinen Büchern beschreibt, denn sammele, will Frau Sommer von W. Kaminer wissen. “Wie Schmetterlinge” fügt sie noch keck grinsend hinzu, begleitet von einer neckischen Geste, die wohl eine typische Handbewegung beim Schmetterlingssammeln darstellen soll. Ob er als Kind schon mit dieser Beobachtungsgabe gesegnet gewesen sei, diesen Blick für das Skurrile gehabt habe (“Woher soll ich das wissen?”) und warum er seine Bücher nicht selbst ins Russische übersetze (“Warum sollte ich? Es macht mir keinen Spaß, das gleiche Buch zweimal zu schreiben.”). Ihr gelingt es, noch ein paar weitere bockige Antworten zu provozieren (“Soll ich jetzt in drei Sätzen was schlechtes über die USA sagen?”), bevor es Herrn Kaminer dann vermutlich endgültig zu dämlich wird. Er beschließt, einfach an den Fragen vorbei zu antworten, plaudert nett und amüsant über dies & das und wiederholt im Wesentlichen nochmal, was man bereits vor einigen Tagen hier nachlesen konnte. Schließlich liest er noch einen Text vor, während sie gar nicht daran denkt, vielleicht mal wieder die Bühne zu räumen, sondern neben ihm am Tisch auf dem ihr zugedachten Stuhl sitzen bleibt. Versprochen ist schließlich versprochen.

Gerlinde Sommer schreibt heute in der TLZ etwas verschnupft unter dem Titel “Der Solist unter den genauen Beobachtern”:

“Es steht die nächste Fußball-Weltmeisterschaft an. Wladimir Kaminer (38) könnte für Deutschland als Heimmannschaft fiebern, denn er hat seit zwei Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft. Nur: Mannschaftssport ist seine Sache nicht. Er bespielt seine Bühne lieber allein. Sagt das aber vorher nicht. Schließlich wurde er für “Kaminer Karaoke” verpflichtet, nicht für Fair Play.”

Es ist wohl gut, dass Frau Sommer versucht Zeitung zu machen und nicht Fußball zu spielen, denn bei letzterem ist Nachtreten soweit ich weiß verboten.

link - 07.10.2005 | 15:40

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