gut gebrüllt

My home is my castle.

Für die einen ist es eine Wohnung, für die anderen der wahrscheinlich gefährlichste Ort der Welt. Ich bin eine andere. Mit Schlössern habe ich nichts am Hut. My home is eher eine bequeme Möglichkeit, sich Trendverletzungen jeglicher Art zuzuziehen ohne dafür vor die Tür gehen zu müssen. Ein Ort permanent lauernder Verletzungsgefahren, ein Quell höllischer Schmerzen, das Epizentrum der unbeabsichtigten Selbstverstümmelung.

Nachdem ich vor einigen Monaten in diese schicke aber mordsgefährliche Wohnung eingezogen bin, deren Grundriss in Nachwuchsarchitektenkreisen vermutlich als Wichsvorlage kursiert, hat die Serie meiner bisherigen Haushaltsverletzungen nach einigem harmlosen Vorgeplänkel nun ihren fulminanten Höhepunkt erlebt, und zwar in Form eines formidablen Treppensturzes mit Zahnbürste in der Hand. Bzw. im Mund. Wo genau sie sich zum Zeitpunkt des Fallens befunden hat ist nicht mehr rekonstruierbar. Die Zahnpastaspuren betrachtend kann aber davon ausgegangen werden, dass ich in meiner Agonie wild um mich gespuckt haben muss, während ich, einen Ellenbogen zielsicher ins Geländer eingefädelt, mit den Füßen voran die letzten Stufen heruntergehoppelt bin.

Mal abgesehen davon, dass mir der Hintern jetzt ordentlich weh tut, bleibt es mir auch noch vorenthalten, mit meinem wilden und gefährlichen Lebenswandel zu prahlen. Eine veritable Steißbeinprellung ist nämlich als Krankheit reichlich uncool und dürfte demzufolge auf dem Trendverletzungsbarometer irgendwo zwischen Prostatakrebs und Syphilis rangieren. Sogar die Unfallumstände waren derart unspektakulär (ich war weder schlaf- oder alkoholtrunken noch auf der Flucht vor dem GEZ-Gebühreneintreiber und auch nicht halbnackt auf dem Weg zum Werkzeugkasten, um eine derweil ans Bett gekettete, wartende Person befreien zu können), dass selbst die mitgeführte Zahnbürste, obwohl sie in der B-Note ordentlich punktet, die durch und durch magere Performance nicht wieder rausreissen kann.

Seitdem schlafe ich schlecht. Im Traum erscheinen mir Nacht für Nacht Haushaltsunfallszenarien. Regelmäßig habe ich vor Augen wie Hinterköpfe mit Tischkanten kollidieren, Handinnenflächen sich an heiße Herdplatten schmiegen, nackte Füße in emaillierten Duschwannen den Halt verlieren, periphere Extremitäten sich in Türschließvorrichtungen quetschen, Gesichter schmerzverzerrte Grimassen schneiden und Körper dumpf auf gefliesten Böden aufschlagen.

Prophylaxe muss sein. Während andere Personen sich nach dem Betreten ihrer Wohnung oft in bequeme und legere Kleidung hüllen, habe ich mir nun ein Haushalts-full-protection-Kit zugelegt. Schutzhelm statt Sportanzug. Stahlkappen statt Schlappen. Harte Zeiten erfordern harte Maßnahmen.

link - 04.10.2003 | 22:49